Last Updated on 30. Oktober 2026 by Katja Reetz Visualcoaching
Sonntagabend. Dein Schreibtisch ist voll und du hast das Gefühl: „Ich bin nie fertig!“
Statt dein Wochenende in Ruhe ausklingen zu lassen, weißt du, dass kein Weg daran vorbeiführt, dich noch einmal an den Schreibtisch zu setzen. Zumindest die E-Mails, die dir schon seit Tagen im Nacken sitzen, müssen beantwortet werden, allen voran die Anfrage der Elternvertreterin. Im alltäglichen Wahnsinn bist du einfach nicht dazu gekommen, und du weißt: Wenn du sie heute wieder nicht beantwortest, zieht das einen gewaltigen Rattenschwanz nach sich.
Kaum öffnest du dein Postfach, ahnst du, dass es dabei nicht bleiben wird. Dort springen dich auch noch die Erinnerung an die anstehende Konferenz, die Info über die Erkrankung einer Kollegin und die Verschiebung einer wichtigen Deadline an. Und ehe du dich versiehst, werden aus den geplanten 30 Minuten ganz schnell 2 bis 3 Stunden.
Genug scheint in deiner Welt einfach nie genug zu sein.
Kurz gefasst:
- Worum es geht: Das Gefühl, nie fertig zu sein, steckt oft hinter inneren Antreibern, also alten Sätzen, die uns dauerhaft unter Druck setzen.
- Die fünf inneren Antreiber: „Sei perfekt“, „Sei stark“, „Beeil dich“, „Mach es allen recht“, „Streng dich an“ (aus der Transaktionsanalyse).
- Für wen besonders relevant: Alle, die für andere Verantwortung tragen, zum Beispiel Lehrer:innen, Führungskräfte und Pflegekräfte.
- Übung: Gedankenkritzelei „Wer spricht da?“ in 10 Minuten, um herauszufinden, ob der Satz wirklich dein eigener ist.
- Kostenloser Leitfaden: „Wessen Stimme ist das?“ mit Zeichenvorlagen: Antreiber würdigen, fremde Sätze zurückgeben, neu formulieren.
Deine inneren Antreiber
Damit bist du nicht allein, und tatsächlich hat dieses Phänomen einen Namen: Es sind deine inneren Antreiber, die dich immer wieder daran erinnern, nicht genug zu sein.
In der Transaktionsanalyse unterscheidet man fünf Antreiber, die einem das Leben ganz schön madig machen können:
„Sei perfekt!“
Gut ist diesem Antreiber nie gut genug. Die E-Mail muss besonders verständnisvoll oder smart klingen und vor allem strategisch dem Plan eines Super-Coups entsprechen. Mit weniger gibst du dich nicht zufrieden. Dabei ist es egal, ob es um die Einkaufsliste, das Arbeitsblatt, den Elternbrief, das passende Geschenk für die Kollegin oder die Entwicklung eines neuen Projekts geht.
„Sei stark!“
Dieser Antreiber versagt dir jede Form von Schwäche. Durchhalten ist deine Devise, Krankheit ist was für Schwache, und ein bisschen die Zähne zusammenzubeißen hat ja schließlich noch niemandem geschadet. Du pfeifst aus dem letzten Loch, hältst aber weiterhin dein Fähnchen hoch. Und wenn dir alle anderen schon besorgte Fragen stellen, ist das für dich eher ein Ansporn als ein Hinweis, mal einen Gang runterzuschalten.
„Beeil dich!“
Als Kind habe ich wahnsinnig gern vor mich hin getrödelt, um die Welt mit all ihren Facetten und Schönheiten zu bestaunen. Leider passt diese Trödelei selten in unseren modernen Arbeitsalltag. Dein innerer Antreiber hat das sehr gut verstanden. „Schnell, schnell“ oder „nur eben noch“ sind typische Floskeln aus seinem Repertoire. Was er allerdings gar nicht kann: Zeit sinnvoll einschätzen. Der Ärger darüber ist vorprogrammiert.
„Mach es allen recht!“
Dieser Antreiber wirkt besonders subtil, denn immerhin hast du das Wohlergehen deiner Mitmenschen im Blick. Du bist verständnisvoll und empathisch, selten nachtragend, und Wut spielt in deinem Leben eine eher untergeordnete Rolle. Was du dabei aus den Augen verlierst: dich selbst. Denn während alle anderen um dich herum von deinem Wohlwollen profitieren, bleibst du mit deinen Bedürfnissen auf der Strecke.
„Streng dich an!“
Dieser Antreiber suggeriert dir, dass alles, was dir leicht von der Hand geht, nichts wert ist. Im Umkehrschluss heißt das: Erst wenn du dich für etwas so richtig ins Zeug gelegt hast und der Schmerz schon fast körperlich spürbar ist, bist du mit deinem Werk zufrieden.
Wo sie besonders laut werden: wenn du für andere Verantwortung trägst
Oft werden unsere inneren Antreiber dann besonders laut, wenn wir ohnehin angeschlagen sind, also wenn uns der Alltag mit all seinen Verpflichtungen schon über den Kopf zu wachsen droht. Berufe, in denen wir eine hohe Verantwortung für andere tragen, die Grenze zwischen Arbeit und Feierabend aufgeweicht ist oder die mit einer hohen gesellschaftlichen Erwartung verbunden sind, befeuern sie zusätzlich:
- Die Lehrerin, die um 21 Uhr noch Elternmails beantwortet und nebenbei Klassenarbeiten korrigiert.
- Die Führungskraft, die in jedem Meeting die Stimmung des Teams mitträgt.
- Die Pflegekraft, die zusagt, obwohl der Dienstplan längst voll ist.
Eigen oder fremd?
Ich habe die inneren Antreiber bewusst überspitzt gezeichnet. Oft wirken sie viel subtiler auf unser Verhalten. Das heißt aber nicht, dass sie weniger machtvoll sind. Und: Sie bekommen mehr Macht, wenn wir anfangen, sie zu bekämpfen.
Stattdessen lade ich dich ein, die Perspektive zu wechseln und dich zu fragen: Woher kenne ich diese Sätze? Wo sind sie mir in meiner Vergangenheit besonders häufig begegnet? Vielleicht kennst du sie in dieser oder abgewandelter Form von deinen Eltern oder Großeltern. Vielleicht hattest du in deiner Jugend einen Lehrer oder eine Lehrerin, die den einen oder anderen Antreiber gefüttert hat. Andere, wie der „Beeil-dich“-Antreiber, sind stark in unserer westlichen Gesellschaft verankert.
Sie alle erfüllen eine Funktion. Sie können uns motivieren und zu höheren, manchmal außergewöhnlichen Leistungen bringen. Sie lassen uns eine Sprache oder eine neue Sportart lernen, sie treiben unsere Karriere voran und sind oft der Kitt für enge Beziehungen.
Problematisch wird es dann, wenn sie ein Eigenleben entwickeln und lauter werden, als uns guttut.
Übung: Gedankenkritzelei „Wer spricht da?“ (10 Minuten)
- Entscheide dich für deinen lautesten inneren Antreiber und schreibe ihn in eine Sprechblase auf ein Blatt Papier.
- Gib diesem Satz nun eine Form oder eine Figur. Das kann eine einfache Strichfigur sein oder auch eine abstrakte Form. Vertraue darauf, dass das, was sich zeigt, genau richtig ist.
- Frag dich: Wessen Stimme ist das? Was will sie für mich? Ist dieser Antreiber wirklich mein eigener? Oder habe ich ihn von jemandem übernommen?
Dadurch, dass du deinem inneren Antreiber ein Gesicht gibst, wird er greifbarer, und damit verliert er ganz automatisch an Macht. Mit dem Sichtbarmachen hast du wieder eine Wahl. Und du bekommst ein Gespür dafür, wann und wo sich dein innerer Antreiber am häufigsten zeigt.


Und jetzt?
Vielleicht hast du beim Zeichnen gemerkt, dass dir dieser Satz gar nicht so gehört, wie du dachtest. Oder dass er dir lange gute Dienste geleistet hat und inzwischen einfach zu laut geworden ist. In beiden Fällen stellt sich die Frage: Was machst du jetzt mit ihm?
Antreiber lassen sich selten mit Willenskraft abstellen. Sie reagieren eher auf Würdigung, Klarheit und neue Worte. Genau dafür habe ich einen kleinen Leitfaden entwickelt: „Wessen Stimme ist das? Dein Leitfaden, um Antreiber zu würdigen, zurückzugeben und umzuschreiben.“ Er führt dich in fünf Schritten durch die Fragen, woher dein Antreiber kommt, wofür er gut war, was du ihm zurückgeben darfst und wie ein neuer Satz klingen könnte. Mit Gedankenkritzelei-Vorlagen zum Ausfüllen.
Oft meldet sich ein Antreiber übrigens zuerst im Körper: als Verspannung, Unruhe oder als Erschöpfung, die kein Wochenende wegschläft. Er ist nur eine von mehreren Ebenen, auf denen Stress entsteht und sich zeigt. Wenn du dich mit allen Ebenen beschäftigen möchtest, in einer kleinen Gruppe und über sechs Monate: Im Januar startet eine neue Runde meines Kurses für Lehrer:innen.
Katja Reetz – Strategische Gestaltung | Visuelle Architektur | Prozessenergie






